Parfums - Süße Klänge für feine Nasen
In Holzminden an der Weser arbeitet der drittgrößte Parfumhersteller weltweit. Hier weiß man, worauf es in der Welt der Wohlgerüche ankommt. Es ist, als wenn ich ein Musikstück komponierte", sagt Fred Naraschkéwitz. Dabei sitzt der kräftige Kreative - schwarzes Sweatshirt, schwarze Hose, am Handgelenk einen silbernen Armreif - an einem ganz gewöhnlichen PC in einem gläsernen Bürotrakt, auf dem Schreibtisch die üblichen Dokumentenstapel. Dazu allerdings Batterien von Flaschen und Flakons.
In ihnen schwimmen die Noten, die er für seine Kompositionen braucht. Flüchtige Düfte, betörende Reizstoffe für die Nase, die besser unter Verschluss gehalten werden. Hier und in rund 500 alphabetisch aufgereihten Phiolen auf der so genannten Duftorgel nebenan. Die erst in komplexen Geruchsrhythmen - andante, largo, furioso - am Körper des Kunden ihre Wirkung entfalten sollen.
"Ich weiß, welche Noten welchen Geruch ergeben", sagt der Ex-Grafikdesigner, der zum Parfumeur umsattelte. "Ich habe diese Begabung, und ich kann riechen."
Riechen, Witterung aufnehmen, Duftmarken setzen - Qualitäten, die im Dschungelwettbewerb der uniformen Businessbürowelten zunehmend wichtiger werden. Gerade der erfolgreiche Mann muss nicht nur frisch und munter aussehen. Er muss, so lautet die Spielregel, auch zupackenden Odor verströmen. Erst recht, wenn die Zahlen der Börsen und Bilanzen zu heftiger Transpiration Anlass geben.
Die Herren haben begriffen. Und gaben zur Freude der Körperpflegebranche im vergangenen Jahr mehr als 330 Millionen Euro für Kosmetika aus. Immer mehr Männer sind bereit, immer mehr Geld für immer mehr Duftwässer anzulegen, rechnet frohgemut ein Branchenreport vor. Mittlerweile macht das Wort von der "Duftgarderobe" die Runde, demzufolge der olfaktorisch aufgeklärte Mann eine ganze Reihe höchst verschiedener Kompositionen im Bad bereithält. Zu tragen je nach Tageszeit und Anlass.
Aber welcher Duft, bitte schön, darf es für welchen Typ Mann bei welcher Gelegenheit denn sein?
Wer sich in die ätherische Welt der Wohlgerüche vorwagt, wird schnell von Schwindel erfasst. Etwa, wenn er erfährt, dass schnöder 2-Phenyläthylalkohol Rosenduft erzeugt, es andererseits einer Tonne Blütenblätter bedarf, um 500 Gramm Rosenöl daraus zu destillieren, das dann 2500 Euro kostet. Dass so honorigwohlklingende Fixaturen wie Castoreum und Zibet den Drüsensäcken von Bibern (für den Mann) und Katzen (für die Frau) entstammen.
Oder: dass die großen Parfums mit Namen von internationalem Klang nicht etwa in mondänen Modemetropolen wie Mailand, Paris oder New York entstehen. Sondern vielfach in Holzminden am Weserstrom, tief in der norddeutschen Provinz. Hier entdeckte einst der zum Chemiker aufgestiegene Försterssohn Wilhelm Haarmann, wie man aus Nadelholzrinde den Duftstoff Vanillin gewinnt, und legte damit den Grundstein zu einem erfolgreichen Riechstoff-Unternehmen (Haarmann & Reimer). Was den Friseurmeister Carl-Wilhelm Gerberding anstachelte, ebenfalls mit Gerüchen zu experimentieren und eine Konkurrenzfirma (Dragoco) zu gründen.
Die beiden, es grenzt an ein Wunder, werden dieser Tage unter Führung des schwedischen Finanzinvestors EQT aus dem Wallenberg-Imperium zu einem einzigen Geruchskomplex, dem drittgrößten weltweit, verschmolzen. CEO: Friseurnachfahr Horst-Otto Gerberding. Der hat vor drei Jahren eine Dependance in Hamburg eröffnet. Im Kaufmannshaus an der Hamburger Bleichenbrücke, vier Stockwerke hoch über der neu entstandenen Modemeile der Hansestadt. Hier sitzt Fred Naraschkéwitz an seinen Rezepturen, hier steuert Edgar Endlein - Vice President laut Visitenkarte - die Riechstoffkompetenz.
"Von den klassischen Hanseaten, die ich in der Mittagspause auf der Straße treffe", sagt Endlein, "trägt niemand orientalische Duftstoffmixturen spazieren." Mutige Parfums wie "Obsession" oder "Egoïste" nämlich scheuen die Banker, Kaufleute und Reeder an der Alster wie der Teufel das Weihwasser. "Die tragen 'Eau Sauvage' oder 'Paco Rabanne'. Und wenn sie mutig sind, nehmen sie mal was Neues wie 'Sander for Men'."
Fougère, Fougère und noch mal Fougère, also kühle, herbe Frische, laute das Credo der konservativen Männerwelt, assistiert Kommunikationsmanagerin Katja Derow. Wenn sie allerdings ein Stockwerk tiefer gehe, wo erfolgreiche, modebewusste junge Männer eine Internet-Agentur betrieben, schlüge ihr ein ganz anderer Wind entgegen. "Die wollen nicht dezent und frisch rasiert riechen, die wollen mit dem Parfum ihre Persönlichkeit unterstreichen", sagt sie. Denn: "Wenn ein Mann mit 'Fahrenheit' oder 'Kouros' auftritt, will er sich platzieren."
Der Hauptbestandteil aller Parfums ist Psychologie. Alljährlich werden rund 200 neue Düfte entwickelt, von denen 100 das erste Jahr überstehen. Und davon bleiben vielleicht 20, die es wirklich schaffen. Den Zeitgeist widerspiegeln, der Mode entsprechen, in den Trend passen.
Berühmtes Beispiel: "Egoïste" von Chanel. Der Duft war lange unter einem unaussprechlichen Namen auf dem Markt, ohne besonders wahrgenommen zu werden. Bis der Anbieter einen Relaunch beschloss, Französinnen nach dem Hauptmerkmal des Mannes befragte und dabei auf den - na, was wohl? - Egoismus stieß. Neuer Name, wilde Werbung - das Parfum wurde zum Hit.
"Die Ideen werden heute vom Marketing vorgegeben, oftmals miserable Ideen", sagt Martin Gras. Der 61-jährige Grandseigneur unter den Parfumeuren arbeitet in der Dragoco-Dependance bei Paris. Düfte wie "Boudoir" von Vivienne Westwood und "1881" von Cerrutti entstammen seiner Nase.
Und was empfiehlt so einer dem Ratlosen auf der Suche nach dem richtigen Duft?
"Er soll reich riechen", sagt Gras. Bloß - wie riecht reich? "Nach Natur, auf keinen Fall synthetisch."